Karin Schulz hat eine Menge erlebt

Leben im Widerstand

Karin Schulz hat schon eine Menge er­lebt. „Und ich habe mir immer Auf­zeich­nungen gemacht“, sagt sie. So hatte sie am Ende genug Stoff für ihr erstes Buch, das aus Schwandorf in die bro­delnde Großstadt Berlin führt, zu Punks und Hausbesetzern. Und am Ende wieder zurück, in eine weitere kon­flikt­reiche Aus­ein­ander­setzung hinein.

Von Thomas Dobler*

 

Schwandorf/Berlin. Die Hauptfigur des Buches, das starke autobiografische Anklänge besitzt, hat den sprechenden Namen Nadine Schreiber. Sie ist das literarische Alter Ego der 57-jährigen Autorin Karin Schulz, die sich in Romanform über ihre „wilde“ Dekade vom Ende der 1970er Jahre bis zum Super-Gau von Tschernobyl 1986 Rechenschaft ablegt. Unterstützt wird die Geschichte vom Aufbruch eines unangepassten Mädchens aus der bayerischen Provinz in die damalige Hauptstadt der  Chaoten und Anarchos durch zahlreiche Fotos. Darunter sind  beeindruckende  Aufnahmen  etwa  der  berühmten Band „Einstürzende Neubauten“, der Karin Schulz bei Konzerten in den angesagten Punkschuppen nahe kam – arbeitete sie doch als Musikfotografin, die dabei einen entsprechenden Bilderschatz angesammelt hat. Andere Motive zeigen das Innere und die Fassaden von besetzten Häusern, in denen Karin Schulz lange gewohnt hat, oder auch Spaßguerilla-Aktionen der Besetzer, die sich immer wieder mit der Polizei aus­ein­ander­setzten.

Doch bis dahin ist es für die Hauptfigur Nadine Schreiber und damit auch für die Au­to­rin noch ein weiter Weg. Er beginnt im „Herz der bayerischen Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin“, wie Schwandorf in dem Buch vorgestellt wird. Die beschauliche Idylle ist auf Dauer nichts für die junge Frau von 17, 18 Jahren, die ums Haar einen angehenden Juristen geheiratet hätte. „Das würde mein Leben sein. Bis ins Alter festgelegt im Korsett der Konventionen“, erkennt sie in einem Moment der Klarheit. Sie löst die Beziehung und setzt sich mit einem Bekannten aus der alternativen Szene der Kleinstadt nach Berlin ab.
So mutig und freiheitsliebend die Hauptfigur ist, Berlin macht es ihr nicht leicht. Es ist das Berlin der Mauer, der Kriegsdienstverweigerer, der Hausbesetzer und Revo­lu­tio­näre.
In diesen Kreisen bewegt sie sich mit Anfang 20 und die Jahre darauf, wird hinein­gezogen in die vehementen Auseinandersetzungen zwischen denen, die die besetzten Häuser auf jeden Fall verteidigen wollen gegen die Staatsmacht, und jenen, die auch zu Verhandlungen mit dem Senat und den Eigentümern bereit sind. Hitzige Diskussionen und handfeste Polit-Action wechseln sich ab. Dazu kommt für die junge Frau ein Wechselbad der Gefühle, in das sie durch ihre zahlreichen Freunde und Liebschaften gestoßen wird.

 

Politisch  desillusioniert
Aber sie ist zäh, bildet sich schulisch weiter, sucht eine Arbeit, überwindet Liebesleid und -frust – und erlebt politische Desillusionierungen. Nicht nur in ihrem direkten Um­feld, sondern auch in Kuba, das von außen wie ein sozialistisches Paradies wirkt, aber sich bei einem Besuch als genau das Gegenteil erweist.
Mittendrin ist die Hauptfigur, als es Mitte der 1980er Jahre in Wackersdorf zur Sache geht. Die Auseinandersetzung um die WAA nimmt an Schärfe zu. „Zwei Todesopfer, das Oberpfälzer Frühjahr verfinstert sich“, heißt es im Roman über die Geschehnisse im Jahr 1986. „Nach einem Gerangel zwischen Polizei und Atomkraftgegnern erliegt Erna Sielka einem Herzinfarkt.“ Die Radikalisierung des Widerstands geht damit Hand in Hand. Und noch ein Todesfall, von dem Karin Schulz im Buch berichtet: Nach einem CS-Gas-Einatz der Polizei klagt der 38-jährige Alois Sonnleitner über Atem­be­schwer­den, stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus an einem Asthmaanfall. Schließlich die Katastrophe von Tschernobyl im April des gleichen Jahres. Damit schließt sich der Kreis der Erzählung.

„Am Ende dieser Jahre bin ich auf dem Boden der Realität gelandet“, versichert die Autorin, die einen zweiten Band vorbereitet. Er handelt davon, wie sie dem hektischen Polit-Aktionismus den Rücken kehrte und sich spirituellen Themen zuwandte.
„Für Religion habe ich mich schon immer interessiert, das war für mich immer ein Riesenfragezeichen und ein Ärgernis“, gesteht sie. Bis sie auf die Werke des indisch-amerikanischen Phi­lo­sophen Jiddu Krishnamurti stieß, der ihr eine neue Sicht auf die Dinge anbot. „Wir sind so gebunden, so gewöhnt an unsere Fluchtwege, dass wir sie für das Wirkliche halten“, steht daher als Spruch von Jiddu Krishnamurti dem Buch voran. Vor sechs Jahren gründete Karin Schulz in Berlin sogar eine Dialoggruppe, die sich mit dem vor 30 Jahren verstorbenen spirituellen Leh­rer befasst.      (Hintergrund)

 

Die Autorin Schwandorf/Berlin. (td) Karin Schulz wurde 1959 in Schwandorf geboren. 1978 zog sie nachWestberlin. Dort absolvierte sie eine Ausbildung zur Erzieherin und arbeitete in einem Jugendwohnprojekt. Danach besuchte sie die SFE, eine selbstverwaltete Schule für Erwachsenenbildung. Sie betätigte sich freiberuflich als Musikfotografin, lebte in besetzten Häusern und engagierte sich in der Anti-AKW-Bewegung. Seit der Geburt ihrer Tochter verdient sie bei der Arbeiterwohlfahrt, Ab­tei­lung Vormundschaften, ihren Lebensunterhalt. 

 

Quelle: ‚Der neue Tag‘ - Sa., 17. / So., 18. September 2016 (Landkreis Schwandorf Extra) Nummer 216

 

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