Tom Fritze – Ende gut, alles gut

Der Titel seines Buches Happy End, oder was! ist Programm. Was den Protagonisten im zweiten Roman von Tom Fritze wiederfährt, ist ein eigentümlich absurder Hürdenlauf auf der Zielgeraden. War schon das Leben kompliziert, so ist es das Ende nicht minder. Sieben Helden, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, werden erstmals im Himmel mit ihrem eigenen Leben konfrontiert. Bemüht um einen glücklichen Ausgang und therapeutisch begleitet, wird ihnen so manche unangenehme Erkenntnis abverlangt.

Mit Happy End, oder was! gelingt Tom Fritze eine abgedrehte Liebeserklärung an das Leben, seine bunten Schicksale und Charaktere. Im Interview erzählt er uns, warum er dafür schlussendlich sieben Jahre gebraucht hat, weshalb er Bücher eher vom Ende her denkt und wann es das Beste ist, aufzuhören.

Tom Fritze, wie schreibt man denn ein perfektes Happy End?

Das war sicher immer auch wieder ein Thema bei mir. Ich habe es mal mit Bindestrich, dann aber wieder getrennt geschrieben und so steht es jetzt auch auf dem Titel (lacht).

Damit ist diese Frage vorerst beantwortet. Aber man kann ein Buch ja von verschiedenen Seiten angehen. Denkst du vom Anfang oder eher vom Ende her?

Ich denke auf jeden Fall vom Happy End her. Bei mir gibt es immer eine Systematik. Ich schreibe ja auch schon wieder an einem neuen Buch, da ist es genau dasselbe. Ich habe eine Ursprungsidee, das ist die Challenge, wo ich denke: Wow, das hat was, das bringt was, das ist wirklich was Neues für mich. Aber dann will ich auch gleich wissen, wie es endet. Ich muss wissen, welche Aussage ein Buch oder ein Stoff nachher hat – ich kann nicht einfach drauflosschreiben. Dass sich im Laufe des Schreibens natürlich noch Dinge ergeben, ist eine ganz andere Sache.

Ich bin jemand, der sehr strukturiert arbeitet. Deshalb ist mir die Dramaturgie so wichtig – wie und wohin ein Plot führt. Anschließend fülle ich alles auf mit Konflikten, Wendungen und Katharsis. Daraus ergibt sich dann eine ziemlich genaue Gliederung – nur ein Drittel sind eher spontane Einfälle.

Und trotzdem zog sich das Happy End über ganze 7 Jahre. Da steht man als Autor wahrscheinlich kurz vor dem Suizid. Was war denn da los?

Das war weniger eine Frage der Struktur als der Sprache. Ich habe als Kind immer nur Comics gelesen, wollte Comiczeichner werden und hatte dafür sogar schon mal eine Ausbildung angefangen. Für mich waren Tim und Struppi das Nonplusultra – auch als Jugendlicher habe ich überhaupt keine Bücher gelesen. Mein Onkel hat das immer wieder zum Anlass genommen, zum Beispiel wenn ich Postkarten geschrieben habe, um mich zu hänseln. Man muss wissen: Ich komme aus einer Familie von Schriftstellern. Als dann mein erstes Buch bei Goldmann, und dann auch noch als Spitzentitel rauskam, hat sich diese Ansicht etwas gedreht. Beim zweiten Roman fing allerdings mein Ehrgeiz an zu zünden und ich wollte einfach wissen, was in mir steckt.

Ich habe das Buch in China begonnen, ich habe dort Englisch und Französisch unterrichtet, ansonsten den ganzen Tag Chinesisch gesprochen und abends das Buch auf Deutsch geschrieben. Das Buch, bei dem ich alles rausholen wollte, was in mir drin ist. Was soll ich sagen – ich fand es sprachlich unter aller Sau. Im Laufe der Zeit sind vier Versionen des Buches entstanden und jetzt steht kein Satz mehr so, wie er in der ersten Version stand.

Brauchst du einen speziellen Ort zum Schreiben oder kannst du das auch zwischen Tür und Angel?

Ich brauche vor allem Zeit. Das Mindeste sind vier bis fünf Stunden, aber eigentlich brauche ich fürs Schreiben den ganzen Tag. Ich lese zu Beginn meist die drei, vier Seiten vom Vortag, um reinzukommen. Da sind schnell anderthalb Stunden rum, und dann fange ich erst an, Neues zu produzieren.

Du hast erzählt, wie sehr du Comics liebst, und hast ja auch als Drehbuchautor Erfahrung. Ist das für dich etwas komplett anderes oder denkst du deine Bücher beispielsweise als Film?

Vielen Leute fällt auf, wie „bildhaft“ meine Romane sind, selbst mein Onkel musste zugeben, dass die Ausarbeitung der Szenen sehr lebendig ist, und häufig bekomme ich die Reaktion: „Mensch, Tom, das könnte ein toller Film werden.“ Bei meinem ersten Buch habe ich die Filmrechte auch an eine französische Produktionsfirma verkauft. Da ist also sicher etwas dran, wobei ich nicht denke, dass meine Bücher stilistisch irgendwie cartoonhaft sind.

Du hast vorhin gesagt, dass du mit Happy End, oder was versucht hast, das Maximum aus dir herauszuholen. Auf der Buchmesse hast du erzählt: „Mehr Tom Fritze geht nicht.“ Stellt sich die Frage nach dem Besten nicht mit jedem Buch neu?

Das Buch, an dem ich jetzt dran bin, handelt von meiner Zeit in China. Das ist natürlich wieder ein vollkommen anderes Buch, bei dem ich beispielsweise kaum noch etwas hinzudichten muss. Ich habe dort die schrillsten Typen kennengelernt, besser kann man sie gar nicht erfinden. Ich habe jetzt die ersten 50 Seiten geschrieben, und es liest sich wieder völlig anders. Stilistisch ist es sicherlich wieder ein Tom Fritze, aber du spürst einfach, dass das alles authentisch ist. Insofern ist jedes Buch wieder etwas Neues für mich und eine neue Herausforderung. Klar, es geht immer weiter.

Auch da ist bestimmt schon ein Ende in Sicht. Die Frage vom Anfang noch mal etwas anders gestellt: Wann ist denn ein Ende überhaupt ein gutes Ende?

Ein Happy End muss für mich nicht zwangsläufig ein gutes Ende sein und ein gutes Ende nicht unbedingt positiv. Ein Ende muss aber immer einen Sinn bringen. Der ganze Aufbau des Stoffes, die Klimax und alles, worauf das ganze Buch hinausläuft, das muss sich zum Ende hin auflösen. Das kann sich natürlich auch negativ auflösen.

Was ich als Drehbuchautor gelernt habe – auch während meiner Zeit als Script Doctor in Filmproduktionen –, ist, immer wieder zu fragen: Was soll diese Szene, wohin arbeitet dieser Dialog, wozu ist diese Figur gut. Diese Fragen stelle ich mir immer wieder, und vielleicht bin ich da auch etwas streng mit mir. Ich mag jedenfalls keine Enden, die den Eindruck einer Beliebigkeit erwecken.

Ein guter Zeitpunkt, um aufzuhören: Tom Fritze, herzlichen Dank für das Interview!

 

 

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