Frank Nonnenmacher: „DU hattest es besser als ICH“ Schicksale im 20 Jahrhundert

Schicksale Nationalsozialismus

Blogbeitrag: Erinnerungskultur

Du hattest es besser als ich: Frank Nonnenmacher über zwei Brüder und ihre Schicksale im 20. Jahrhundert

Wer an Konzentrationslager im Nationalsozialismus denkt, dem fallen vor allem die Juden ein, die hier auf unmenschliche Weise gelebt haben und gestorben sind. Doch es gibt viele weitere Menschen, die verfolgt und eingesperrt wurden, unter anderem die sogenannten Asozialen und Berufsverbrecher. Ihre vollständige Rehabilitation und Wertschätzung lassen auf sich warten und die Zuständigen der Bundesregierung machen sich dabei bis heute einen schlanken Fuß. Wie unmenschlich diese Schicksale waren, lässt sich aktuell in Frank Nonnenmachers Porträt „Du hattest es besser als ich“ nachlesen.

Juli 2021. Erst 2018 hat Frank Nonnenmacher, seines Zeichens emeritierter Professor der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main, einen Appell an den Deutschen Bundestag gerichtet. Es geht darum, der oben genannten Gruppe an Verfolgten den ihnen zustehenden Platz in der Verfolgungsgeschichte des Nazi-Regimes zu gewähren. Es geht um Wiedergutmachung und Entschädigung. Dieser Appell wurde von Zehntausenden Menschen unterschrieben. So kam es, dass der Deutsche Bundestag mit recht großer Verspätung am 13. Februar 2020 einhellig (mit Enthaltung der AfD) entschied, dass diesem Personenkreis der Status als Opfer der Diktatur zuerkannt wird. Außerdem sollen diverse Fördermittel bereitgestellt werden, vor allem für weitere Forschungen zu diesem Thema und für das Bekanntmachen der Vorgänge in der breiten Bevölkerung. Damit wurde eine der letzten Gruppen anerkannt, die während der Hitler-Zeit massiv zu leiden hatten.

Seitdem liegt das Ganze allerdings mehr oder weniger auf Eis. Die beiden Stellen, die sich damit befassen sollten, sind bis zum Frühjahr 2021 noch nicht einmal ausgeschrieben gewesen. Als die Linken-Abgeordnete Ulla Jelpke nachfragte, erfuhr sie, dass die Kulturbeauftragte Monika Grütters offenbar beabsichtigt, hier nur minimal tätig zu werden. Es soll einzig die geforderte Wanderausstellung mit 1,5 Millionen Euro in Angriff genommen werden. Weitere Forschungen mit einem zusätzlichen Etat sind nicht vorgesehen. Dabei wären sie überaus notwendig, denn die Betroffenen haben über die Jahrzehnte häufig aus Angst und Scham geschwiegen. Die Anerkennung ist, da so viel Zeit verloren gegangen ist, nun hauptsächlich für ihre Angehörigen und Nachkommen von enormer Bedeutung; und für die breite Bevölkerung ebenfalls.

Die beiden Brüder und ihre Schicksale

Doch wie kam Frank Nonnenmacher dazu, diesen dringenden Appell an die Regierung zu stellen? Ganz einfach: Er ist selbst einer dieser Nachkommen. Sein Vater und dessen Bruder, also Nonnenmachers Onkel, nahmen einen sehr unterschiedlichen Werdegang.

Ernst Nonnenmacher, der Ältere, geboren 1908 in Stuttgart, lebt mit seiner Mutter in größter Armut und wird schnell aus Not zum Kleinkriminellen. Später befindet er sich in einer Wohngemeinschaft mit einer Prostituierten. Schließlich kommt er ins Gefängnis und wird anschließend als „Asozialer und Wehrunwürdiger“ für vier Jahre in die Konzentrationslager Flossenbürg und Sachsenhausen gesteckt. Wer hier im Steinbruch arbeitete, war zur „Vernichtung durch Arbeit“ vorgesehen. Später wird Ernst Nonnenmacher Geschosskörbe flechten. Er kommt frei, aber er wird nicht als NS Opfer anerkannt, weil er „nur“ den grünen Winkel trug. Der rote Winkel wurde unter anderem für politische Häftlinge verwendet, der grüne für Berufsverbrecher. Ernst Nonnenmacher spricht jahrzehntelang nicht über diese Zeit. Eines Tages lernt er den Sänger, Schauspieler und Komponisten Konstantin Wecker kennen, der durch diese Begegnung zu einem Lied inspiriert wird.

Deutlich leichter verlief das Leben seines jüngeren Bruders Gustav Nonnenmacher, geboren 1914 in Stuttgart. Da die Mutter von beiden Vätern verlassen worden war, kümmert sich die Fürsorge um ihn und gibt ihn erst in eine sogenannte Kostfamilie, anschließend in ein Waisenhaus. Aufgrund der Inflation wird nichts aus dem geplanten Studium, denn das Stiftungsgeld ist verloren. So wird Gustav Nonnenmacher Holzbildhauer und erfährt mit 18 Jahren, dass er eine Mutter und einen Bruder hat. Er wird JU52-Pilot in Hitlers Fliegerflotte und überlebt mehrere Abstürze. Schließlich arbeitet er als Lehrer für den Blindflug in den Alpen. Nach dem Krieg fliegt der inzwischen überzeugte Pazifist niemals mehr, sondern arbeitet als freischaffender Künstler in Worms.

Opfer im Nationalsozialismus endlich würdigen

Diese beiden Lebensläufe arbeitet der Nachkomme Frank Nonnenmacher nun in seinem Buch „Du hattest es besser als ich“ auf. Es handelt sich um eine wichtige Dokumentation vor allem aus der Zeit des Nationalsozialismus. Und es wird höchste Zeit, auch diese NS Opfer, wie Ernst Nonnenmacher eines war, zu würdigen und ihre Erinnerung hochzuhalten.

Dieses Buch erschien in unserem Fachverlag Westarp Science.

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