Ball in London

Nach einer unbeschwerten Kindheit auf dem Lande in Wales kommt Daisy als junges Mädchen nach London. Die Bälle der „High Society“ sind am Ende des 19. Jahrhunderts nichts anderes als ein Heiratsmarkt:

Ball in London

Als meine Mutter heiratete, war sie erst sechzehn- einhalb, und ihre drei Kinder sind geboren, bevor sie einundzwanzig Jahre alt war. Es schien 39 daher ganz natürlich, daß auch ihre Töchter jung heirateten. Allzusehr an Bewunderung und Verehrung war sie gewöhnt, als daß sie wünschen konnte, ihre Töchter immer um sich zu haben. Sie war meines Vaters Abgott, und er ließ sie alles tun, was sie wollte, vielleicht zu viel. Er war unerhört stolz auf sie, und in seinen Augen konnte sie nichts Falsches tun. Es wurde von meinen Eltern bestimmt, daß ich früh in die Gesellschaft eingeführt werden sollte. Man hatte mir niemals gesagt, daß ich nach Rang und Reichtum heiraten müßte. Aber ich denke, es wurde als selbstverständlich angesehen, denn im Verhältnis zu unserer gesellschaftlichen Stellung und unserer Lebensführung waren wir arm. Als ich, wie es Brauch war, der Königin Viktoria vorgestellt wurde, trug ich zum erstenmal ein langes Kleid und eine unendlich lange Schleppe und drei weiße Federn im Haar. Ich versuchte hübsch auszusehen, aber es wurde mir nur klar, was für ein kleiner Esel ich war. Natürlich wurde ich öfters zum Tanzen eingeladen, und an einen Ball erinnere ich mich besonders. Ich hatte einen Kranz von Korn- und Feldblumen im Haar und dachte, es sähe hübsch aus. Aber da kam zu meinem Kummer ein gutaussehender Mann und sagte: „Wie können Sie nur einen so dummen Kranz aufsetzen! Sie sehen aus wie auf einem Erntefest.“ Ich konnte ihn nicht abnehmen, schämte mich zu tanzen, und der Abend war mir verdorben. Wie leicht verletzen selbst gutmütige Menschen ein junges Mädchen!

Der Zukünftige

Ich traf meinen zukünftigen Gatten,  den Prinzen Heinrich von Pleß, zum erstenmal auf einem Ball. Obwohl er der deutschen Diplomatie angehörte und soeben der Deutschen Botschaft in London als Sekretär zugeteilt worden war, sprach er nicht perfekt Englisch. Ich war schüchtern und verstand kaum ein Wort von dem, was er sagte, und ein kleiner dummer Peer war da, der mich heiraten wollte; der begann sich über ihn zu mokieren. Er lebt noch, und ich hoffe, er liest dies und merkt nun, wie böse ich auf ihn war. Obgleich ich nur ein Mädchen war, verstand ich, daß er sich gegen einen Fremden schlecht benahm, und das war mir peinlich. Er nützte sich gar nicht dadurch, im Gegenteil, der Prinz tat mir leid, und ich war geneigt, freundlicher gegen ihn zu sein als vorher. (…)

Mein Mann machte mir den Antrag auf einem Maskenball in Holland-House. Ich merkte, daß meine Mutter ehrgeizig war und die Partie wünschte. In jenen albernen Zeiten tat sich eine Frau etwas darauf zugute, wenn sie ihre Tochter in ihrer ersten Season weggeben konnte. „Weggeben“ — ein scheußliches Wort. Ich sagte Hans, daß ich ihn nicht liebte. Er meinte, das täte nichts, die Liebe käme in der Ehe. Vielleicht kommt sie manchmal, aber ich glaube, nicht oft. In Deutschland bringt die Braut aller Stände Möbel, Wäsche, Ausstattung in die Ehe. Manchmal bringt sie auch das Haus mit. In Frankreich ist der Brauch ähnlich, wenn auch nicht so allgemein. Ich konnte nichts mitbringen. Meine Familie konnte mir nicht einmal eine angemessene Ausstattung geben. Prinz Heinrich, der das alles wußte, verwirrte mich durch seine Erzählungen von dem Leben in Schlesien. Ich sollte Jäger, Juwelen, Schlösser, zwei Hofdamen haben, jedes Jahr nach England reisen, — und wer weiß noch, was alles. Es klang alles so glänzend und romantisch. Ich merkte es damals nicht ganz, aber ich wurde tatsächlich gekauft!

Damit ist das Schicksal der jungen Daisy besiegelt. Sie wird in eine völlig neue Welt gesandt, nach Schlesien. Aus dem Mädchen wird eine Frau, die trotz aller Traditionen und Hürden ihren eignen Weg findet und sich zu einer der bedeutendsten Figuren der neuen schlesischen Geschichte entwickelt. Wie das spannende und bewegte Leben der Fürstin Pleß weiter geht, lesen Sie in

„Tanz auf dem Vulkan – Erinnerungen an Deutschlands und Englands Schicksalswende“

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