tarnname_fichte

„Tarnname Fichte“:

über die einst explosive Sprengkraft in Nordbrandenburg

Nördlich von Berlin, in Nordbrandenburg, liegt zwischen Fürstenberg/Havel und Lychen die kleine Gemeinde Himmelpfort. In dem Wald zwischen Himmelpfort und Lychen befand sich lange Zeit, während ein kalter Krieg westliche und östliche Staaten fest in seinem Griff hatte, ein brisantes Waffenlager. Es war unter mehreren Namen bekannt: Tarnname Fichte, Sonderwaffenlager (SWL) Himmelpfort, Kernwaffenlager (KWL) Lychen II oder schlicht Lychen II. Die Geschichte dieses Waffenlagers wird jetzt in einem Buch vorgestellt. Volker Eckardt und Uwe Feldmann erzählen sie eindrücklich in ihrem Werk „Tarnname Fichte“.

November 2021. Neben dem Waffenlager in Stolzenhain war das Lager Lychen II wohl eines der brisantesten. Dabei war es nur wenigen Menschen bekannt, denn für diese Fläche von über 112 Hektar war höchste Geheimhaltung geboten. Hier lagerten tief unter der Erde zahlreiche atomare Gefechtsköpfe.

Die Einlagerung

Nach 1945 herrschte bald kalter Krieg. Die Westmächte (NATO) rüsteten ebenso auf wie die Ostmächte (Warschauer Pakt). Beide Seiten avancierten zu den am besten ausgerüsteten Armeen der Welt. Unter anderem wurden die Raketen und Flugzeuge, die die USA der NATO zur Verfügung stellte, auch in Deutschland gelagert. Parallel wurden die „Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland“ (GSSD) und später auch die Nationale Volksarmee der DDR (NVA) ebenfalls mit Kernwaffen ausgestattet. Dabei blieben die Gefechtsköpfe allerdings immer Eigentum der Sowjetunion. So kam es, dass sich mitten in Deutschland zwei hochgerüstete Armeen mit ihrer ausgeklügelten Vernichtungstechnik feindselig gegenüberstanden.

Diese Waffen, die für die Landstreitkräfte, genauer für die 5. Armee der DDR, gedacht waren, brauchten besondere Techniken zur Lagerung sowie die Möglichkeit, diese sicher und geheim zu halten. Daher wurde unter anderem in den Jahren 1967 und 1968 Lychen II nach sowjetischen Plänen von Baupionieren der NVA errichtet. Die Geschichte dieses Terrains ist das Thema des hier vorgestellten Buches.

Versteckt im Wald

Niemand weiß heute mehr, warum das Lager Lychen II genannt wurde. Man vermutet, dass der Name darauf zurückzuführen ist, dass man nur von der Ortschaft Lychen aus über eine befestigte Straße dorthin gelangen konnte.

Die Bevölkerung der Umgebung war allerdings nicht wirklich in Gefahr, wie Kenner meinen. Die brisante Ladung wurde in den Gefechtsköpfen nicht zusammen, sondern in 16 getrennten Einzelteilen verstaut, die wie ein Kranz geformt waren. Selbst bei einem Angriff auf den Bunker, in dem sie lagen, wäre wohl kaum etwas passiert. Nur in einer Trägerrakete hätten sie nach der Zündung ihre furchtbare explosive Kraft entwickelt.

Die Zeit nach der Maueröffnung

Im Jahr 1990, also unmittelbar nach der deutschen Wiedervereinigung, wurde Lychen II aufgegeben, die Sprengköpfe wurden evakuiert. Anschließend wurde das Gelände den deutschen Behörden übergeben. Diese beschlossen später, das Gelände wieder in die Natur einzugliedern. Zwischen 2009 und 2013 wurden daher die Gebäude, die sich auf dem Gelände befanden, zurückgebaut beziehungsweise abgerissen. Stattdessen schuf man Quartiere für Fledermäuse. Ob Wohnblock, Straße oder Wachturm, nichts erinnert heute mehr an diese schwierige Zeit. Die beiden Bunker mit ihren jeweils vier Lagerkammern, in denen bis zu 240 Sprengköpfe lagerten, sind noch vorhanden und wurden mit schweren Platten verschlossen. In ihrem Inneren soll allerdings viel zerstört beziehungsweise geraubt worden sein.

Über das Buch

Die beiden Autoren waren in diesen Jahren zugegen und haben dabei geholfen, das Gelände neu zu gestalten. Ab 2003 führte Volker Eckart selbst mehr als 70 Mal Interessierte über das Gelände. Er entwickelte sich zu einem Spezialisten zu diesem Thema. Zudem haben sie bei der Recherche für ihr Buch versucht, mit diversen Menschen in Kontakt zu kommen und mehr über die gefährliche Kraft und das Leben dort zu erfahren. Leider fühlen sich wohl bis heute zahlreiche ehemalige Militärs an die frühere Geheimhaltung gebunden, sodass etliche Tatsachen bis heute nicht bekannt sind. Das Buch „Tarnname Fichte“ punktet dennoch mit zahlreichen Bildern und liest sich ausgesprochen spannend.

Das Werk erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit der Fakten und Geschehnisse. Manches wurde den Autoren nur aus der Erinnerung berichtet, es fehlen allerdings nachprüfbare Beweise. Die Autoren sind daher dankbar für jeden sachlichen Hinweis, der von dritter Seite aus gegeben wird.

Menü