Manchmal braucht es keine großen Geschichten, um etwas über das Leben zu erzählen. Ein Blick aus dem Fenster, eine Begegnung auf der Straße, eine Erinnerung an früher oder ein Gedanke, der plötzlich auftaucht, kann genügen. Genau solche Momente hält K. P. Schuch in seinem Gedichtband „Tante Marlene – Gedichte vom Tage“ fest.
Dabei ist der Titel durchaus Programm: Es sind Gedichte, die aus dem Alltag heraus entstehen und sich mit dem beschäftigen, was einen Menschen im Laufe eines Tages – und eines Lebens – bewegen kann.
Zwischen Alltag und großen Fragen
K. P. Schuch richtet seinen Blick auf ganz unterschiedliche Bereiche des Lebens. Mal beobachtet er scheinbar Nebensächliches, mal beschäftigt er sich mit existenziellen Fragen. Natur und Jahreszeiten finden ebenso ihren Platz wie Liebe, Freundschaft, Einsamkeit, Alter, Tod und Erinnerung.
Gerade diese Wechsel machen den Band abwechslungsreich. Auf nachdenkliche Texte können humorvolle Alltagsbeobachtungen folgen, auf persönliche Erinnerungen gesellschaftskritische Gedichte.
Ein Kater wird ebenso zum Gegenstand eines Gedichts wie ein Zahnarztbesuch oder die Sorgen eines Hypochonders. An anderer Stelle geht es um Krieg und Flucht, um Umweltzerstörung, gesellschaftliche Konflikte oder die Frage, wie Menschen miteinander umgehen.
Schuch macht damit deutlich: Poesie muss nicht fern vom Alltag stattfinden. Im Gegenteil – der Alltag selbst liefert unerschöpflich viel Stoff.
Beobachten, erinnern, nachdenken
Viele Gedichte wirken wie Momentaufnahmen. Der Autor beobachtet seine Umgebung und lässt aus diesen Beobachtungen Gedanken entstehen. Eine Landschaft, ein Tier, eine Fahrt, eine Stadt oder eine zufällige Begegnung können zum Ausgangspunkt für weiterführende Überlegungen werden.
Immer wieder spielt auch die Erinnerung eine wichtige Rolle. Vergangenes begegnet der Gegenwart: Orte verändern sich, Menschen verschwinden, Landschaften sehen heute anders aus als früher – doch in der Erinnerung bleiben Bilder, Situationen und Gefühle erhalten.
So führt der Band immer wieder zurück zu einer der großen Fragen, die hinter vielen seiner Gedichte steht: Was bleibt von den Dingen, die wir erlebt haben?
Auch die Gegenwart bleibt nicht draußen
„Gedichte vom Tage“ bedeutet bei K. P. Schuch jedoch nicht nur, über das persönliche Leben zu schreiben. Der Blick geht immer wieder über das eigene Umfeld hinaus.
Krieg, Gewalt und Vertreibung beschäftigen den Autor ebenso wie die Zerstörung der Natur oder gesellschaftliche Entwicklungen. Manche Gedichte werden dadurch deutlich ernster und kritischer. Sie beobachten eine Welt, in der vieles aus dem Gleichgewicht geraten scheint, ohne dabei den einzelnen Menschen aus den Augen zu verlieren.
Neben diesen ernsten Themen steht jedoch weiterhin das Kleine und Persönliche. Gerade dadurch entsteht ein Kontrast, der den Band prägt: Weltgeschehen und Alltag existieren nebeneinander – so, wie sie es auch im wirklichen Leben tun.
Wer ist Tante Marlene?
Der Titel des Buches erhält im Verlauf des Bandes eine sehr persönliche Bedeutung.
In einem der Gedichte erinnert sich der Autor an seine Tante auf dem Land: an das Dorf, an einen Garten voller Blumen und Gemüse, an spielende Kinder, gemeinsames Essen und jene scheinbar unspektakulären Momente, die Jahrzehnte später zu kostbaren Erinnerungen geworden sind.
„Tante Marlene“ wird damit zu mehr als einer einzelnen Person. Das Gedicht steht stellvertretend für Kindheitserinnerungen, für Geborgenheit und für Menschen und Orte, die irgendwann der Vergangenheit angehören und trotzdem Teil des eigenen Lebens bleiben.
Poesie ohne Berührungsängste
K. P. Schuchs Gedichte wollen sich nicht hinter komplizierter Sprache verstecken. Sie erzählen unmittelbar, beobachten, fragen, erinnern und kommentieren. Häufig entstehen aus konkreten Situationen Gedanken über größere Zusammenhänge.
Gerade darin liegt der besondere Charakter von „Tante Marlene“: Der Band erlaubt sich, ernst und heiter, persönlich und gesellschaftlich, alltäglich und nachdenklich zugleich zu sein.
So wird aus vielen einzelnen Momenten ein poetisches Kaleidoskop des Lebens – mit schönen und schweren Erinnerungen, mit Sorgen um die Gegenwart, mit Humor und mit der Hoffnung, dass selbst scheinbar kleine Augenblicke es wert sind, festgehalten zu werden.
„Tante Marlene – Gedichte vom Tage“
von K. P. Schuch
richtet sich an Leserinnen und Leser, die lebensnahe Lyrik mögen und Freude an Gedichten haben, die ihre Themen nicht in der Ferne suchen, sondern mitten im Alltag.